Spanien: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen „Wunderheiler“

Spanien sagt vermeintlichen Wunderheilern und ihren unwirksamen bis schädlichen Heilmittelchen den Kampf an. Aktuell ermittelt die Generalstaatsanwalt gegen zwei bereits einschlägig bekannte Fürsprecher des in Spanien seit 2010 verbotenen „Miracle Mineral Supplement“ (MMS). Das Gesundheitsministerium hatte bereits im Oktober 2018 Anzeige wegen Werbung und Verkaufs des Produkts im Internet gestellt.

Was groß als Miracle Mineral Supplement beworben wird, ist nichts anderes als die Chemikalie Natriumchlorit (NaClO2). Mit Wasser und Säure wie Zitronen- oder Salzsäure versetzt, bildet sich das ätzende Chlordioxid. Dieses wird industriell zum Bleichen und Desinfizieren eingesetzt. Als Nahrungsergänzungs- oder Heilmittel ist es allerdings gänzlich ungeeignet. Die Verbraucherzentrale warnt vor Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Nierenversagen, schweren Darmschädigungen und Blutdruckabfall durch Einnahme von sogenanntem MMS. Während das Bundesinstitut für Risikobewertung in Deutschland nur von der Einnahme abrät, hat die Spanische Agentur für Medikamente am 14. Mai 2010 im Sinne der PatientInnen entschieden und das Produkt mit Verweis auf die Lebensgefahr durch die Einnahme vom Markt verbannt.

Ungeachtet des Verbots jedoch hatten Pseudowissenschaftler, unter ihnen Josep Pàmies und Andreas Kalcker, weiterhin für MMS geworben und es gehandelt. Dabei verwendet wurden haltlose Versprechen wie die Heilung von Aids, Krebs, Autismus, Arthritis oder auch Diabetes. Wie El País berichtete, wurde Josep Pàmies bereits 2018 zu Strafen von 600.000 und 120.000 Euro verurteilt, weil er MMS als Heilmittel gegen Autismus und so unterschiedliche Krankheiten wie Ebola und Malaria anpries.

Im Oktober 2018 erstattete das Gesundheitsministerium unter Ministerin María Luisa Carcedo, selber Humanmedizinerin, Anzeige gegen die Bewerbung und den Handel von Bleiche unter dem Namen MMS bei der Generalstaatsanwaltschaft. Ausgelöst hatte Anzeige der Ministerin, laut El País, die Übergabe von 136.000 Unterschriften. Gesammelt und übergeben hatte die Unterschriften die Nichtregierungsorganisation „Comité para la Promoción y Apoyo de la Mujer Autista“ (CEPAMA), die sich der Unterstützung autistischer Frauen widmet und sich wie viele Verbände autistischer Menschen gegen die Misshandlung von AutistInnen mit allerhand gefährlichen Mitteln und Therapien wehrt.

Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft hatten die Guardia Civil und eine Abteilung für Cyber-Kriminalität auf zahlreichen Webseiten und Blogs Beweise für Bewerbung und Handel von MMS sichergestellt und an die Staatsanwaltschaften von Lleida (Wohnort von Pàmies), Madrid, Castellón (Wohnort von Kalcker) und Santa Cruz de Tenerife weitergeleitet. Während CEPAMA begrüßt, dass endlich gehandelt wird, fordert Pàmies die Ministerin heraus vor Gericht zu beweisen, dass es sich bei MMS um Bleiche handele.

Während in Deutschland die Bewerbung von Bleiche, Zitrone oder Backpulver als Heilmittel bei Krebserkrankungen, gefährlicher Kuren gegen angebliche Parasiten, sowie wirkungsloser Globuli und Schüssler-Salze mit anekdotischer Evidenz und hanebüchenen Erklärungen zu angeblichen Wirkmechanismen kaum sanktioniert und teilweise gar von Krankenkassen bezahlt wird, ist Spanien beim Schutz seiner EinwohnerInnen schon weiter. Im letzten Jahr hatte Spanien eine Petition zur Änderung der Direktive über die Verwendung homöopathischer Produkte bei der Europäischen Kommission in Brüssel eingereicht. Wie El País erklärt, sieht Spanien die Gesundheit der Menschen durch nicht wissenschaftlich belegte Therapien gefährdet und forderte die Kommission auf, den Terminus „homöopathische Medikamente“ zu ändern. Brüssel lehnte Spaniens Vorstoß mit der Begründung ab, dass der aktuelle Rahmen ausreiche, um die Qualität und Sicherheit, sowie die Information der KonsumentInnen und des medizinischen Personals sicherzustellen.