Reisen im Einklang mit Mensch und Natur: Fairer Tourismus ist möglich

Laura Jäger im Gespräch mit Isabella Kolar

Mit dem Billigflieger mal eben nach Barcelona oder Berlin: Das nervt nicht nur die Einheimischen, sondern zerstört die Umwelt. Aber deshalb müssen wir nicht zu Hause bleiben. Laura Jäger von „Brot für die Welt“ verrät, wie man ressourcenschonend reisen kann.

Das Thema „Overtourism“, das für Massentourismus steht, ist gerade in aller Munde, sagt Laura Jäger. Die Referentin für Tourismus und Entwicklung bei „Brot für die Welt“ in Berlin bekommt in ihrer Arbeitsstelle „Tourism watch“ zahlreiche Anfragen von Medien und arbeitet mit Unternehmen sowie politischen Entscheidungsträgern zusammen.

Wirtschaft ankurbeln, Jobs schaffen

Der Tourismus könne wichtige Impulse für nachhaltige Entwicklung setzen, auch im Bereich der Wirtschaft, so Laura Jäger. Zu den Schattenseiten des Tourismus gehöre aber zum Beispiel, wenn den Bauern in Costa Rica das Wasser abgegraben werde, um damit Swimming Pools zu füllen, wenn Fischer in Sri Lanka den Zugang zum Strand verlören, weil dort Hotelanlagen gebaut würden, oder die Kinderarbeit und -ausbeutung, die im Tourismus ein weitverbreitetes Phänomen sei.

Statt Malle: mit dem Rad nach Kopenhagen

Wie kann ich verreisen, ohne Mensch und Natur vor Ort Schaden zuzufügen? Das ist das zentrale Anliegen von Laura Jäger. Die Tourismus-Expertin war selbst noch nie auf Mallorca, einem der Hotspots für Massentourismus weltweit, denn die dortigen Touristenmassen während der Hauptsaison schrecken sie ab. Die 29-Jährige bevorzugte stattdessen in ihrem letzten Urlaub eine Radtour nach Kopenhagen.

Das Ziel: Faire Arbeitsbedingungen schaffen

Wenn man umdenke, sodass der Tourismus den Menschen vor Ort nicht schade, sondern im Gegenteil ihnen sogar nütze, dann könne der Tourismus ein wichtiges Instrument für nachhaltige Entwicklung sein, sagt Laura Jäger. Sie sucht gemeinsam mit ihren Mitarbeitern auch den Dialog mit den Tourismusunternehmen, um zu erreichen, dass die Rechte der Menschen vor Ort geschützt, weniger Ressourcen verbraucht und faire Arbeitsbedingungen geschaffen werden.

Muss es Venedig während der Hauptsaison sein?

Es seien nicht nur die europäischen Metropolen von „Overtourism“ betroffen, sagt Laura Jäger. Aber, so die Tourismus-Expertin, man habe als Tourist doch eine viel bessere Erfahrung, wenn man statt in der Hauptsaison im November nach Venedig reise und sich nicht mit den Massen über den Markusplatz schieben müsse.

Wir reisen heute immer billiger, häufiger, weiter und kürzer – und die Unternehmen suggerierten uns, das wir dieses „Lifestyle Phänomen Reisen“ bräuchten zum Glücklichsein, so Laura Jäger.

Sie glaubt dagegen, dass das Reisen die perfekte Gelegenheit biete, um aus der Konsumwelt und aus unserem stressigen Alltag auszusteigen. Das Rezept: sich Zeit nehmen auch für Unvorgesehenes, mit den Menschen vor Ort in Kontakt kommen und nicht nur von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten eilen.

„Fliegen ist die klimaschädlichste Form der Mobilität“

Die Anreise mit dem Flugzeug sei die Achillesferse einer jeden Reise, sagt Laura Jäger, die Klimawirkung des Tourismus lasse sich auf keinen Fall wegdiskutieren.

Nur fünf bis zehn Prozent der Weltbevölkerung hätten jemals in einem Flugzeug gesessen. Das seien aber diejenigen, die die Folgen des Klimawandels nicht zu spüren bekämen. Sondern die spürten die Menschen, die selber noch nie in ein Flugzeug gestiegen sind. Deshalb handele es sich auch um eine Frage der Gerechtigkeit und man solle, so Laura Jäger, Flüge möglichst vermeiden.

Bei 1000 Kilometer Distanz mindestens 8 Tage bleiben

Wenn das nicht möglich sei – wie im Falle von Fernreisen – sei es ratsam, lieber seltener zu fliegen, dafür aber länger zu bleiben. Es gelte die Faustregel: bei bis zu 1000 Kilometer Distanz mindestens acht Tage vor Ort bleiben, bei einer Flugdistanz über 2000 Kilometer mindestens zwei Wochen am Urlaubsort bleiben.