Organtransplantation: Warum die Spenderzahlen in Spanien so hoch sind

In Spanien kamen 2018 auf eine Million Einwohner 48 Organspender, in Deutschland waren es noch nicht einmal zwölf. Warum ist die Spendebereitschaft dort so hoch? Es liegt nicht nur an der geltenden Widerspruchsregelung.

In Spanien wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass jeder zur Organspende bereit ist, der nicht ausdrücklich widerspricht. Den Widerspruch können die Spanier bei einem Notar einlegen oder sich in einem staatlichen Register eintragen. In Deutschland gilt dagegen bislang noch die Entscheidungsregelung. Das heißt, man muss einer Organspende zu Lebzeiten zugestimmt haben – oder die Angehörigen müssen es nach dem Tod tun.

Aus Sicht von Experten ist die Widerspruchsregelung aber nicht allein ausschlaggebend für die hohe Zahl der Organspender und -entnahmen in Spanien. Aus ihrer Sicht ist das Gesundheitssystem des südeuropäischen Landes auch sehr viel besser auf Organspenden ausgerichtet.

Ausgeklügeltes System für Organspenden

Das spanische Gesundheitssystem nimmt vor allem die Kliniken in die Pflicht. Die auf nationaler Ebene zuständige Behörde ist die Organización Nacional de Trasplantes (ONT). Sie sammelt alle Daten der Organspende- und Transplantationsaktivitäten, verwaltet die Warteliste für Empfänger, fördert die Ausbildung des medizinischen Personals und bietet eine 24-Stunden-Hotline für die Entnahmekrankenhäuser an. Sie ist außerdem zuständig für die internationale Zusammenarbeit und den Kontakt zu den Medien.

Auf regionaler Ebene arbeiten unabhängige Koordinationsbüros. Sie stellen die Verbindung her zwischen den Entnahmekrankenhäusern, den regionalen Gesundheitsministerien und der ONT.

Vernetzung zwischen nationaler, regionaler und lokaler Ebene

Dritte Ebene sind die lokalen Transplantationskoordinatoren. Bei ihnen handelt es sich meist um Intensivmediziner, die in den 188 spanischen Krankenhäusern arbeiten, in denen Organe entnommen werden können. Sie sind eng mit den Koordinationsbüros der regionalen Ebene vernetzt. Größere Kliniken haben ein eigenes und damit eingespieltes Transplantationsteam, in den übrigen befindet sich ein spezialisierter Koordinator.

Hauptaufgabe der Koordinatoren ist, Hirntote als mögliche Spender zu identifizieren. Dass in den meisten Krankenhäusern rund um die Uhr ein Koordinator vor Ort ist, wird als wichtiger Beitrag dazu gesehen.

Deutscher Rückstand eine Folge der Strukturen

Die Direktorin der ONT, Domínguez-Gil, glaubt, dass Deutschland vor allem sein Gesundheitssystem neu organisieren muss, um die Zahl der Organspenden zu erhöhen. Der augenblickliche Rückstand in diesem Bereich sei vor allem eine Folge der Struktur und der Prozessorganisation.

2019 beschloss der Bundestag Strukturverbesserungen. So bekamen Transplantationsbeauftragte in den Krankenhäusern einen höheren Stellenwert, ihre Arbeit wird besser vergütet. Schulungen etwa zum Umgang mit Patientenverfügungen und eine bessere Analyse der Todesfälle in Kliniken sollen ebenfalls dazu beitragen, dass die Zahl der Organspenden steigt. Erstmals aufgenommen wurde darüber hinaus die Betreuung der Angehörigen. Nach Ansicht der Deutschen Stiftung Organtransplantationen beginnen die Maßnahmen langsam zu greifen.