Junge Spanier und Portugiesen: Die verlorene Generation kehrt heim

In der Wirtschaftskrise flohen Scharen junger Leute aus Spanien und Portugal – und zwar ausgerechnet die gut Ausgebildeten. Jetzt wagen viele den Neuanfang daheim. Auch wenn sie dafür Opfer bringen müssen.

Die verlorene Generation sitzt an einem Freitagabend in Berlin und hört genau zu. Rund 50 Spanierinnen und Spanier drängen sich in einen Saal des Kulturinstituts Instituto Cervantes. Die meisten sind unter 40 Jahre alt, darunter Ärzte, Handwerker, Wissenschaftler. Die meisten von ihnen waren während der spanischen Wirtschaftskrise ab 2008 nach Deutschland ausgewandert. Jetzt wollen sie zurück nach Spanien. Zurück in die Heimat, die ihnen noch vor ein paar Jahren keine Hoffnung auf ein würdiges Leben bot.

Vorne auf der Bühne steht Raúl Gil Benito, „Volvemos“ heißt seine private Organisation, „Wir kehren zurück“. Gil veranstaltet den Abend, neben ihm gestikuliert der spanische Staatssekretär Agustín Torres. Die sozialistische Regierung in Madrid arbeitet mit „Volvemos“ zusammen. Das Ziel der beiden Männer: Sie wollen die verlorene Generation zurückgewinnen – und ihr die Rückkehr nach Spanien so leicht wie möglich machen. Im Angebot sind persönliche Skype-Beratungen, Weiterbildungskurse, finanzielle Hilfe.

Eine der ersten Fragen, die ihnen gestellt wird: „Wer hilft uns, wenn wir schon in drei Wochen zurückwollen?“

Es ist etwas im Umbruch auf der iberischen Halbinsel. Die jungen Leute, die vor einem Jahrzehnt vor der Massenarbeitslosigkeit flohen, kommen nach Hause. 2018 kehrten 83.728 Spanier aus dem Ausland zurück; erstmals seit dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise wanderten mehr Spanier ein als aus. Allein „Volvemos“ hat bereits mehr als 600 Menschen bei der Rückkehr nach Spanien geholfen.

Der Nachbar Portugal entwickelt sich ähnlich. In der Krise hatten eine halbe Million Portugiesen das Land verlassen – und das bei einer Gesamtbevölkerung von nur rund zehn Millionen. Doch bereits seit 2017 übertrifft die Zahl der Rückkehrer wieder die der Auswanderer. Nun hat die Regierung ein zusätzliches Programm aufgelegt: Sie bietet Remigranten einen Steuernachlass und bis zu 6500 Euro Starthilfe. Wer sich selbstständig machen will, bekommt einen Kredit.

Endlich neue Jobs, so mancher schlecht bezahlt

Beide Länder haben diese Trendwende herbeigesehnt. Sie erleben derzeit einen wirtschaftlichen Aufschwung, wachsen wieder, Spanien bereits das fünfte Jahr in Folge. In Portugal sind 30.000 Stellen unbesetzt, die Arbeitslosenquote liegt bei 6,5 Prozent, der niedrigste Stand seit 15 Jahren.

Das Land gilt als hip, Lissabon als Hub für Start-ups. Auch wenn die Jugendarbeitslosigkeit noch immer hoch ist und viele der neuen Jobs befristet und schlecht bezahlt sind: Spanien und Portugal können gut ausgebildeten Landsleuten wieder eine Perspektive bieten. Auch der zukünftigen Elite der iberischen Halbinsel – der Generation Erasmus, die zwischenzeitlich in London, Paris oder Berlin ihr Glück gesucht hatte.

In einem Café neben dem Museo del Prado in Madrid sitzt Irene Sánchez, in schickes Schwarz gekleidet und mit fröhlichem Lachen. Auf Deutsch, fast ohne Akzent, erzählt die 26-Jährige, wie eine Stadt im Schwarzwald ihr Leben verändert hat.

Als sie 2015 nach Villingen-Schwenningen zog, kam Sánchez für ein Erasmus-Jahr. Zuhause in Madrid studierte sie Eventmanagement, eigentlich wollte sie wieder zurück. Aber damals war die spanische Immobilienblase schon lange geplatzt, der Arbeitsmarkt ein Albtraum. Also blieb Sánchez. Die Möglichkeiten in Deutschland, einen guten Job zu ergattern, schienen ihr weitaus größer. „Ich musste mich entwickeln“, sagt sie. „Denn ich wusste nicht, ob Spanien sich entwickeln würde.“

In Villingen-Schwenningen besuchte Sánchez die Hochschule, machte Praktika, später einen Master in Berlin. Sie wohnte im Holzhaus eines älteren deutschen Paares, verlegte ihr Mittagessen von 14 auf 12 Uhr, lernte Deutsch: A1, A2, B1, B2, C1 – wichtige Meilensteine im Leben einer Einwanderin.

Ihre Abschlussarbeit schrieb Sánchez bei Daimler. Im Anschluss bekam sie bei dem Autobauer einen Job in Stuttgart. Sie konzipierte digitale Marketingkampagnen für die Strategie-Abteilung, verdiente gut, mehr als in Spanien, ein Traumjob.

Selbst die Kollegen waren nett. „Die Zeit in Baden-Württemberg war vielleicht die glücklichste Zeit meines Lebens“, sagt Sánchez heute. Noch heute liest sie deutsche Bücher. „Diesen Teil meiner Persönlichkeit werde ich nie wieder verlieren, sagt sie.

Das Wissen der Rückkehrer nutzen

Menschen wie Irene Sánchez meint Staatssekretär Agustín Torres, wenn er sagt, dass Spanien von den Rückkehrern profitieren werde. Sie hätten im Ausland viel gelernt, sich durchgebissen. Den Brain-Drain will er nicht nur stoppen, sondern umkehren – und für Spanien nutzbar machen. Die Auswanderer sollen neue Ideen, ihr angehäuftes Wissen mitbringen. 50 Maßnahmen sieht sein „plan de retorno“ dafür vor. 24 Millionen Euro will seine Regierung dafür ausgeben. Ein Pilotprojekt läuft bereits.

Auch Portugal braucht die Rückkehrer, um nicht den Anschluss zu verlieren. Die Bevölkerung des Landes schrumpft, die Geburtenrate ist so niedrig wie kaum sonst irgendwo in Europa. Besonders im Gesundheitswesen fehlen schon jetzt die Fachkräfte.

Tiago Loureiro hat sich das zunutze gemacht. Der drahtige 36-Jährige mit den grauen Schläfen erzählt, wie er in der Kleinstadt Santiago do Cacém eine feste Anstellung fand. Ausgerechnet hier, zwei Autostunden von Lissabon entfernt, im dünn besiedelten und einst bitterarmen Süden des Landes.

Berufserfahrung und Staatsexamen hatten dem Krankenpfleger nichts genützt, als der portugiesische Staat in den Krisenjahren am Gesundheitswesen sparen musste. Deshalb ging Loureiro 2015 ins nordirische Belfast. Dort verdiente schon einer seiner drei Brüder gutes Geld in einer Klinik, die auch ihn gern einstellte. Lächelnd erinnert er sich an die Bezahlung: 3000 Pfund netto, damals an die 3500 Euro. Zudem stand ihm eine Neubauwohnung im Zentrum zur Verfügung, für schlappe 500 Pfund Miete.

Und dennoch: „Ich war nicht zufrieden in Großbritannien.“ Das Essen, das kalte Wetter. Er habe es als schwierig empfunden, „in die nordirische Gesellschaft hereinzukommen“. Schließlich wollte er ja mal eine Familie gründen, sagt er. „Ich wollte immer zurück.“

Nachdem er sich ein Jahr lang überall in Portugal beworben hatte, bekam er endlich einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Zwar nicht in der Nähe seiner Eltern im Norden Portugals, wie er es sich gewünscht hatte. Auch verdient er viel weniger, nach Abzug der Steuern hat er nur 1100 Euro zur Verfügung, zuzüglich Nachtdienstvergütung.

Doch die gute Lebensqualität, für die er weniger Geld benötigt, wiegt es für ihn auf. Die Strände des atlantischen Ozeans sind nur eine halbe Autostunde entfernt. Loureiro wohnt in einem einfachen Apartmenthaus mit Blick auf die hügelige Landschaft.

Blumenkübel stehen auf den Balkonen. Er hat zwei Schlafzimmer, Bad, vom offenen Wohnzimmer mit Essecke und Ausziehsofa geht es in die Kochnische. Das alles für 360 Euro Monatsmiete. Seine Freundin jobbt in einem Modegeschäft in der Innenstadt. In dieser friedlichen Umgebung, sagt der Krankenpfleger, könne er es sich gut vorstellen, Kinder groß zu ziehen.

Sie kamen, weil sie mussten – und gehen, weil sie können

Oft sind es persönliche Gründe, die Portugiesen und Spanier veranlassen, zurückzukehren. Da ist die Ärztin aus der Berliner Charité, die sich von ihrem deutschen Mann getrennt hat: Ohne die Hilfe ihrer Eltern schaffe sie es nicht, sich um ihren Sohn zu kümmern und gleichzeitig weiter zu arbeiten. Also will sie zurück nach Hause. Da ist der Ingenieur, der in Norddeutschland gut verdiente, aber mit seiner Freundin lieber in Spanien alt werden will. Und da ist der Bauarbeiter, der die „toten Sonntage“ im Hamburger Nieselregen einfach nicht mehr aushielt. Mit dem Wirtschaftsaufschwung kam für sie die Wahlfreiheit.