Portugal: Aljezur – eine Liebeserklärung an den Auswanderer-Hotspot

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Aljezur in der portugiesischen Algarve zieht jährlich zahlreiche Deutsche an – wie unsere Autorin

 
 
 

Saudade ist die portugiesische Sehnsucht. Das Wort beschreibt das Gefühl von Autorin Anna Wengel besser als jedes andere, wenn sie an Aljezur denkt. Zwei Jahre hat sie in dem kleinen Ort in der portugiesischen Algarve gelebt. Für TRAVELBOOK hat sie aufgeschrieben, was den beliebten Auswanderer-Ort deutscher Surfer, Yogis und Liebhaber alternativer Lebensentwürfe für sie so besonders macht.

Dein Geruch schafft es jedes Mal. Dein Gemisch aus Eukalyptus, Korkeichen, Meer und noch irgendwas. Keine Ahnung, was genau. Erscheint dann deine schiefe Silhouette aus kleinen, weißen Häusern hinter der letzten Kurve, fängt mein Herz ganz schön an zu bummern. Ich bin zu Hause. Könnte heulen vor Glück. Na gut, ich bin ehrlich, tu ich auch. Ich glaube ohne mindestens eine Freudenträne bin ich noch nie wieder hierher nach Aljezur zurückgekommen.

Und das habe ich oft gemacht. Seit ich sieben war. Weil ich dich liebe. Das hat sich nie geändert. Trotzdem war da immer auch diese Wehmut. Weil unsere Zeit immer begrenzt war. Ich dich immer verlassen musste – während du immer auf mich gewartet und dich dabei kaum verändert hast. Irgendwann hat es mir gereicht. Ich wollte nicht immer Tschüss sagen. Hatte keine Lust mehr, dich ständig zu vermissen. Also habe ich dich gefragt, ob ich bei dir einziehen darf – und du hast „Ja” gesagt.

Zwei Jahre bin ich deine wenigen Wege abgefahren. Habe mit meinem kleinen, dafür umso lauteren und bald auspufflosen 90er-Jahre-Polo in deinen Kurven gelegen. Der Auspuff ist irgendwann auf einer deiner Schotterstraßen kaputtgegangen. Wie so oft war mein Blick auf den Horizont gerichtet. Da ist Meer. Und das hat jeden Tag das gleiche Gefühl in mir ausgelöst: Klischee-Schmetterlinge, die in meinem Bauch tobten und sich als debiles Dauergrinsen in meinem Gesicht breit machten.

Deutschen-Auflauf in Aljezur

Ich war nie die einzige mit diesem Gefühl. Viele Auswanderer wachen jeden Morgen mit vor Glück explodierenden Symbol-Schmetterlingen auf. Einfach, weil sie bei dir sein dürfen. Du Mini-Stadt hast uns alle in deinen Bann gezogen. Manche bleiben, viele verlassen dich irgendwann wieder. Aber ich glaube jeder liebt dich irgendwie. Viele von uns sprechen dieselbe Muttersprache. Ich weiß nicht, warum du so viele Deutsche anziehst. Aber irgendwie stört es mich hier nicht. Vielleicht, weil du genug Platz für uns alle hast. Vielleicht, weil es so viele andere mit anderen Sprachen gibt.

Geboren sind hier nur wenige. Aber kennen tun sich trotzdem alle. Bin ich mit meinem Klapper-Polo über deine Straßen gefahren, gab es immer jemanden zum Grüßen. Typisch Dorf glaube ich. Aber nicht auf die verstaubte, gruselige Nie-aus-seinem-Nest-rausgekommen-Art – na gut, fies, aber die gibt es eben auch. Du bist wie ein Magnet für reisende Hippies, Surfer, Yogis, Systemkritiker, Weltverbesserer und Spießer. Alle wollen hier irgendwie ihre Ruhe haben. Ohne Stress leben. Entschleunigt. Alternativ, ursprünglich und auf jeden Fall so, wie sie es wollen. Das ist übrigens die einzige Überschneidung, die ich zu Berlin finde: Jeder kann hier sein, wie und wer er will.

So sehr du für mich und uns alle Paradies bedeutest, bist auch du natürlich nicht perfekt. Mein größter Meckerpunkt: Dich mögen einfach zu viele. Obwohl du so klein bist und zugegeben bis auf Schönheit gar nicht so viel zu bieten hast, ziehst du verdammt viele Menschen an. Gerade in den Schulferien platzt du aus allen Nähten. Von Geheimtipp ist längst keine Rede mehr. Aber eigentlich macht das auch nichts. Denn schön bist du ja trotzdem – und keiner zwingt mich, dich im Juli oder August zu treffen.

Dramatische Klippen, alter Charme und modernes Hipsterzeug

Damit kannst du den Hauptgrund für meine Schwärmerei auch erahnen: Ich liebe dich, weil du unfassbar schön bist. Nicht auf diese alberne, perfekt geleckte Art wie viele andere Touristen-Orte. Du bist wie du bist. Stellenweise alt, mit Dellen und Staub, ein Stück ursprüngliches Portugal. Dank Naturpark fast geschützt vor Neuerungen. Aber du bist nicht vergrummelt und hast nichts gegen Neuerungen. Vor allem im Mini-Ort Vale da Telha lässt du viel Neues zu, während du deinen eigenen Charme bewahrst: Hipster-Restaurants mit Holzverkleidungen, Bowls und Healthy-Food neben betagten Lokalen, die der portugiesischen Fischlastigkeit frönen. Vergammelnde Bruchbuden neben aufgemotzten Villen. In die Jahre gekommene Portugiesen neben Säuglingen von Eltern, die von ganz woanders kommen.

Am schönsten finde ich aber deinen Vorbau, die Ecken und Kanten: Deine dramatischen Klippen, auf denen ich sitzen, spazieren und stundenlang aufs Meer gucken kann. Deine Strände, Monte Clérigo, Arrifana und Amoreira, die ich je nach Jahres- und Uhrzeit manchmal ganz für mich alleine habe. Das sind die Gründe, die dich so besonders für mich machen. Denn obwohl ich dir inzwischen wieder Tschüss sage und neben dir andere Orte treffe, bleibst du immer besonders. Ein Zuhause. Ein Refugium. Ein Ort zum immer wieder Zurückkommen.

Aljezur, ich liebe dich. Es wird Zeit, dass wir uns wiedersehen.