Spanien: Laute Menschen und Tapas

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Tapas from spain varied mix of most popular tapa mediterranean food

 
 
 

Woher genau die spanischen Tapas kommen und auf wen oder was sie konkret zurückgehen, ist nicht mit Sicherheit überliefert. Eventuell hat es etwas mit Königen zu tun, die Alfons X., Alfons XIII. oder Philipp III. heißen, keine Kostverächter waren, etwas gegen Alkoholkonsum ohne ordentliche Unterlage oder ein Problem damit hatten, dass es Fliegen gibt, die sich gleichfalls gerne in ein Weinglas vertiefen. Schinken drüber heißt Deckel drauf, und todo está bien.

Historische Details sind jetzt aber irrelevant, Hauptsache, das Zeug wandert über die Budel und schmeichelt dem spanischen Gaumen und somit auch der spanischen Seele – oder dem Gaumen und der Seele des Alleinreisenden, der hier in dieser prächtig-schlichten Bodega zwischen all den zum Rudel neigenden Einheimischen bereits dadurch hervorsticht, dass er alleine ist. Der Spanier bevorzugt el grupo und kommt erst ins Wirtshaus, wenn in der D-A-CH-Region der „Tatort“ zu Ende und der Werktätige langsam schlafen geht.

Sí, claro, Leben bedeutet neben Tapas immer auch Kommunikation. Der Spanier legt da in einer Lautstärke vor, gegen die sich selbst eine norwegische Black-Metal-Band, die man mit einer stadiontauglichen Verstärkeranlage auf eine Garage loslässt, oder ein Airbus A380 während eines Turbinentests ziemlich schwertun würde. Sollte man einmal für einen Sattelschlepper oder ein Kreuzfahrtschiff ein Abschleppseil benötigen: So ein spanisches Stimmband wäre eine Idee. Man beginnt darüber nachzudenken, dass es wohl eher kein Zufall ist, dass sehr viele Opernstars aus diesem Land stammen – und ob hier nicht ein im Bereich Blutdoping angesiedelter Startvorteil gegenüber einem tiefenmelancholischen Bassbariton aus Helsinki oder dem gemeinen, in ein „Seitenblicke“-Mikrofon lallenden wienerstädtischen Kammersänger besteht.

Große Oper jetzt auch vier Sitzplätze weiter: Eine Art billige andalusische Lokalvariante des Schauspielers Javier Bardem ist mit bedeutungsvollem Rotweinblick und Perlweißlächeln damit beschäftigt, zwei Frauen auf einmal davon zu überzeugen, dass es in dieser Bodega zwar wirklich sehr nett, bei ihm zu Hause aber wesentlich gemütlicher sei. Für alle, die „Vicky Christina Barcelona“ gesehen haben: Woody Allen musste überhaupt nichts erfinden und noch weniger überzeichnen. Jedes Klischee entspricht der Wahrheit.

Während man als Beobachter mit Rückflugdestinationen wie Schwechat und Memmingen daheim bereits vor zwei Stunden über seiner Sättigungsbeilage weggedämmert wäre (Stichwort: Knödelschlaf), taut der spanische Mensch jetzt erst richtig auf und zieht vital in die Nacht hinaus. Woher genau die Tapas kommen, ist nicht überliefert. Sie sind außer eine Unterlage aber bestimmt auch ein sehr guter Vorwand.