Portugiesischer Traum

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Wenn es so etwas wie den „portugiesischen Traum“ geben sollte, so hat sich Ann Frost diesen verwirklicht: „Sicher bin ich es, die den schönsten Job auf der Welt hat“, sagt die Weinproduzentin mit westfälischen Wurzeln, als ihr Blick über das historische Weingut „Quinta de Sant’Ana“ schweift. Rund 45 Autominuten von Lissabon entfernt liegt ihr 40 Hektar großer Besitz samt zwölf Hektar großem Weinberg, den sie gemeinsam mit ihrem Gatten James Frost bewirtschaftet.

Und man mag es kaum für möglich halten, als die frühere münsterische Studentin – Fachrichtung Grafik-Design – mal eben beiläufig erzählt, wie sie diese Quinta seinerzeit finanzierte: „Mein Bafög war der Grundstock.“ Wie gesagt: ein „portugiesischer Traum“. Und die „Quinta de Sant’Ana“ ist nur eine von zahlreichen reizvollen Stationen auf einer kulinarischen Tour in und um die portugiesische Hauptstadt.

Ob Süßspeisen, Pesiscos oder Wein – oft wird der Gaumen in der südeuropäischen Metropole gerade dort am meisten überrascht, wo man es am wenigsten erwartet. So lohnt es sich auf jeden Fall, an einem der kleinen Getränkeläden – sie erinnern ein wenig an einen Mini-Kiosk – zu stoppen, die den hochprozentigen „Ginjinha“ im Angebot haben. Dabei handelt es sich um einen ausgesprochen schmackhaften Kirschlikör, den die Einheimischen gerne „nebenbei“ vernaschen, was offenbar zum guten Ton gehört.

Was auch immer der Gast zu sich nimmt – an vielen Stellen verweisen die Anbieter auf „geheime Rezepturen“, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. So wie in einer von der Straße aus betrachtet eher unauffälligen Bäckerei im Stadtteil Belem, die es allerdings zu einer enormen Popularität gebracht hat: In der „Pastelaria de Belém“ entstehen die wohl bekanntesten Mini-Törtchen Portugals, deren Geheimnis offenkundig in einer unnachahmlichen Vanille-Füllung liegt. Die Bäckerei genießt den Ruf der Geburtsstätte der „Pastéis de Nata“, für viele Teil von Portugals Weltgourmeterbe. Dabei handelt es sich um kleine Mini-Törtchen, die gerne als Nachtisch gereicht werden.

Ganze Touristenbusse steuern diese kleine Bäckerei an, die Miguel Clarinha in vierter Generation führt: „Nur sechs Menschen kennen das Rezept, das streng behütet wird“, sagt der Geschäftsmann, in dessen Betrieb täglich 25 000 Stück dieser beliebten Nachtischhäppchen produziert werden. Und das exklusiv: „Wir verkaufen diese Pastéis de Nata ausnahmslos hier, man bekommt sie weder in anderen Cafés noch über das Internet, sondern nur bei uns“, so der 35-Jährige, der 180 Mitarbeiter beschäftigt und natürlich auch andere süße Spezialitäten in seiner „Pastelaria de Belém“ auf Lager hat.

Sehr viel Wert auf die Familienrezeptur legt man auch in der „Casa Piriquita“ im 30 Kilometer von Lissabon entfernten Städtchen Sintra. Dort werden so süße Leckereien wie die „Travesseiros“ gereicht. „Ein Geheimrezept entwickelt von meiner Großmutter“, wie Casa-Besitzer Fernando Cunha verrät. Wer sich durch die schmalen Gässchen der kleinen Stadt bewegt, kann sich in dem unscheinbaren Café – früher als Barber-Shop genutzt – auch mit den berühmten „Queijadas de Sintra“ belohnen.

Den aktuellen Tageseinkauf kombinieren mit einem schmackhaften Essen? Kein Problem im „Mercado Campo de Quique“. Dort, in einer riesigen Markthalle, ist auch derjenige gut aufgehoben, der sich noch nicht sicher ist, nach was es ihn am jeweiligen Tag gelüstet: Hier trifft mediterrane Küche auf asiatische Feinkost, der Hamburger oder die Pasta werden direkt neben dem argentinischen Steak zubereitet. Traditionelle Marktstände bestückt mit Fisch, Gemüse, Obst oder Fleisch komplettieren dieses reizvolle Zusammenspiel.

Diese Vielfalt erlebt der Besucher auch im „Timeout Market Lisboa“, eine Markthalle der Superlative. Auch dort gibt es zahlreiche Essensstände und Angebote mit Leckereien aus verschiedenen Regionen. Und wem es gemundet hat, der kann die neue Leibspeise auch vor Ort erwerben, wie beispielsweise den „Palera Porco Preto“, einen würzigen Schinken. Den dazu passenden Wein gibt es direkt nebenan.

Womit wir wieder auf dem kleinen Weingut am Rande von Lissabon wären. Baron Gustav von Fürstenberg, der Vater von Ann Frost, war es seinerzeit, der den romantischen Bauernhof in der Stadt Gradil für sich und seine Familie entdeckte. Das war in den 1960er Jahren. „Die Revolution vom 25. April 1974 sorgte dafür, dass wir zunächst nach Deutschland zurückkehrten“, so Ann Frost, die über die Rückkehr nach Portugal in den 1990er Jahren rückblickend sehr glücklich ist. „Auch wenn der Neuanfang alles andere als einfach war.“

Mittlerweile konzentrieren sich Ann und James Frost nicht allein auf das Produzieren und den Verkauf von zwölf verschiedenen Weinen. Hochzeitspaare genießen das einzigartige Ambiente eines Weinguts für ihre Feierlichkeiten. Zudem bieten vier Ferienhäuser Platz für einen entspannten Familienurlaub.

Anreise: Lissabon ist von verschiedenen Flughäfen im In- sowie im benachbarten Ausland zu erreichen. Es gibt Nonstop- sowie Multistop-Verbindungen. Die Direktflüge dauern ab Düsseldorf etwas über drei Stunden. Die Preise variieren natürlich je nach Fluggesellschaft.

Tipp: Im „Lisboa Story Centre“ direkt am Praça do Comércio erlebt der Besucher eine virtuelle Reise durch die Vergangenheit Lissabons. Eine große Rolle spielt dabei das enorme Erdbeben im Jahr 1755 und die damit einhergehende Zerstörung der Stadt.